Transalp light II - 19.8. - 26.8.2011

Transalp light! So stand es da. So sollte es sein. Light. Light verbindet der Normaldenkende gerne mal mit gemütlich; nicht allzu anstrengend; ruhig mal etwas länger auf der Hütte sitzen und das Panorama genießen. Wenn da nicht zwei unumstößliche Fakten gewesen wären. Einerseits der Entwurf der Streckenführung. Andererseits die Namen auf der Teilnehmerliste. Einerseits mehrere nicht gerade aufregende Teilstücke entlang der Autobahn. Ziemlich eben. Ziemlich lange. Ziemlich asphaltig. Also ziemlich grauslich. Andererseits die bekannten Namen der früheren Transalps. Nicht der letzjährigen Transalp light. Nein, die der konditionsmordenden 'normalen' Transalps. Zu diesem illustren Pärchen gesellte sich noch die Schönheit der möglichen Ausweichrouten. Und nur kurze Überlegungen später wurde kurzerhand durch dieses Trio das 'light' in der Realität gnadenlos gemeuchelt wie seinerzeit der unglückliche Gaius Julius.

 

Also starten wir am 1. Tag in Weerberg (zwischen Schwaz und Wattens) gleich mal in der Gewissheit, erst nach ca. 2.400 Höhenmetern unser wohlverdientes Abendmahl im heutigen Zielort Gries am Brenner einnehmen zu können. Aber wir sind ja noch ausgeruht. Die Anfahrt hatten wir ja schon am Vortag erledigt. Und so geht es gleich mal zum Aufwärmen über die Weidener Hütte rauf aufs Geiseljoch (2292 m). Doch schon kurz nach dem Start zwingt uns Regen zu einer kurzen Pause ("na das beginnt ja schon mal super"). Aber das war's dann auch schon mit dem Regen für die gesamte restliche Zeit. Ab der Weidener Hütte befinden wir uns schon in herrlicher Hochgebirgslandschaft. Und nicht allzu viel später genießen wir schon den ersten 'Gipfelsieg'. Als nächstes Ziel steht das Tuxer Joch (2338 m) auf unserer To-do-Liste. Aber zuerst müssen wir mal Manfred trösten. Eine Reifenpanne lockt eine Träne in sein Auge. Nicht, dass es viel Aufwand wäre, eine Reifenpanne zu beheben. Ursache wird wohl eher der Umstand sein, dass für jede Reifenpanne und für jeden Sturz bei der nächsten Hütte eine Runde fällig wird. Und irgendwie dürfte sich heute der Pannenteufel in Manfreds Rucksack einquartiert haben. Und so bleibt es nicht bei dieser einzigen Panne und das Opfer ist immer Manfred. Aber irgendwann erblicken wir doch den Hintertuxer Gletscher und irgendwann haben wir dann doch die schöne Auffahrt zum Tuxer Joch geschafft und irgendwann ist auch leider der schöne Singeltrail nach Kasern hinunter zu Ende und irgendwann sitzen wir dann in Gries beim Abendessen und können die Eindrücke des ersten Tages verarbeiten.

 

Der 2. Tag lockt mit bekannten Namen. 'Brenner Grenzkammstraße', 'Flachjoch', 'Sandjoch' und 'Giggelberg' machen aus jedem Grantscherm einen Smiley, so er denn einst diese Destinationen mountainbikend erreichte. Also machen wir uns frohen Mutes auf den Weg. Nach 20 Minuten Fahrt ist allerdings schon die Anziehungskraft der Sattelalm-Hütte übermächtig. Sogar die dort nächtigende und gerade im Aufbruch befindliche Wandergruppe bemerkt unisono, dass wir wohl noch nicht sehr lange unterwegs gewesen sein können. Mit dem auf höchstem intellektuellen Niveau angesiedelten Hinweis, man könne sich Reserven ja nur VOR einer Tour anlegen, entkräften wir die spitzen Bemerkungen und führen gleichzeitig jedes Gegenargument unserer Freunde aus dem Reich der Germanen dem praenatalen Exitus zu.

Nach der Stärkung setzen wir die Fahrt fort. Die Teilnehmer der letztjährigen 'normalen' Transalp kennen die Strecke schon. Waren doch die Grenzkammstraße und das Schlüsseljoch bereits Teil dieser Tour. Letztes Jahr führte uns die im Navi gespeicherte Strecke zu unserer Freude noch am Schild 'Mounatinbike-Schiebestrecke' vorbei. Doch heuer war Schluss mit lustig. Die heurige Strecke führte uns genau auf diesen Weg und unsere Kondition wurde wieder einmal so richtig ausgetestet. Aber schließlich erstürmen wird doch den Sattelberg und überschreiten dort die Grenze nach Italien. Nun fahren wir auf der Grenzkammstraße immer der Grenze entlang. Ständig begleitet von einem herrlichen Panorama und immer im Blickpunkt weit unter uns die Brenner-Autobahn, auf der die Autos wie Ameisen dahinwuseln oder manchmal auch stehen. Am Sandjoch wechseln wir dann auf einen schmalen Pfad. Im ersten Moment bin ich etwas skeptisch. 'Hm; stimmt das? Gehören wir wirklich da runter? Schaut schon etwas heavy aus!' Irgendwer schreit: 'Na; do fohr i owa sicher net owe. I fohr do!' Und irgendein Zeigefinger zeigt auf eine schöne breite Forststraße mit angenehmen Gefälle. Mein 'Nix do; do samma scho richtig!' dürfte doch eine gewisse Überzeugungskraft haben. Und so fahren mir schließlich alle brav nach. Gott sei Dank! Denn dieser Trail entpuppt sich als Adrenalinpumpe hohen Ranges. Mit breitem Grinsen im Gesicht stürz ich mich den Trail runter. Ja; das macht so richtig Spaß! Die nächste Auffahrt führt uns nun auf das Schlüsseljoch. Anfangs noch recht gemütlich zu fahren, heißt es ab der Enzianhütte wieder schieben. Eine schöne Abfahrt führt uns schließlich nach Fussendrass, wo die heutige Tagesetappe endet. Kurz vor St. Jakob hat uns Franz ein Quartier besorgt.

 

Der 3. Tag beginnt mit einer weiteren 'Zusatzstrecke'. Statt im Tal dahinzurollern, fahren wir mal kurz über's Pfunderer Joch (2568 m). Manfred ist das ganz und gar zu unlight und zieht die Gesellschaft von Franz, der wie üblich mit dem Auto in den nächsten Zielort vorfährt, um dort ein Quartier zu suchen, vor. Wir sind noch nicht weit gekommen, da teilt uns Peters Kette mit, dass es etwas bedeutet, wenn man eh schon seit einiger Zeit knackende Geräusche von sich gibt und reißt kurzerhand. Nach einer kurzen Zwangspause fahren wir weiter. 2 Stunden und 15 Minuten nach dem Start stehen wir am Pfunderer Joch und bestaunen die herrliche Kulisse. Rund um uns herum einige 3000er. Vor uns eine irrsinnig schöne Abfahrt bis Nieder Vintl mit einigen kniffligen Abschnitten (das wissen einige von uns noch von der letztjährigen Transalp IV). Und so bleibe ich bald stehen und betrachte von oben diese Rinne, die sich den Hang hinunterwindet. Gefüllt mit grobem Geröll, versehen mit engen Spitzkehren und heimtückischen Stufen. Ich suche die Stelle, an der ich letztes Jahr meinen einzigen Sturz hinnehmen musste. Und so entsteht folgende Konversation: Ich: 'Hallo Du Biest, kannst Dich noch an mich erinnern?' Hang: 'Natürlich; Du wolltest mich bezwingen. Aber ich hab Dich abgeworfen.' Ich: 'Aber heuer werd ich es Dir zeigen; heuer bekommst Du mich nicht!' Ich fahr los. Es geht ziemlich steil hinunter. Mein Allerwertester befindet sich schon längst hinterm Sattel; mein Bauch liegt fast am Sattel auf. Das Vorderrad überwindet unwillig die groben Geröllbrocken und lässt sich nur mehr so ungefähr lenken. 'Nein; Du bekommst mich nicht!' 'Put, put, put; gleich hab ich Dich.' 'Ah; Mist; puh; das war knapp.' 'Put, put, put.' 'Nein; nie! Oh, oh, oh; Ah; ja; geschafft.' 'Put, put, put.' 'Oh, oh, oh, nein, ah, verdammt, nein, neiiiiiiiin; AUA; Mist; geh na; das gibt's ja net. Schon wieder.' 'He, he, he. Wieder nicht geschafft; He, he, he!'. Na wenigstens bin ich nicht wie letztes Jahr mitten in einer Kuhflade gelandet. Die weitere Abfahrt führt uns noch eine Zeit lang durch wunderschöne Gegend, bis wir irgendwann auf eine Straße kommen und dann doch ziemlich lange in der Ebene dahinrollen müssen, bis wir endlich wieder auf einer eines Mountainbikes würdige Strecke kommen und über Russis Kreuz St. Peter, unser heutiges Ziel, erreichen. Eine angenehme, erfrischende Abwechslung bot uns der Fluss, in dem wir uns kurz abkühlten.

 

Der 4. Tag beginnt wie der 3. Mit einem Kettenriss bei Peters Rad. Offensichtlich war die Qualität der gestrigen Reparatur nicht gerade meisterlich. Den Passo di Brogles hinauf dürfen wieder einmal die Räder schieben. Oben angekommen erwartet uns ein bis jetzt ungewohnter Anblick. Offensichtlich hat sich halb Italien heute vorgenommen, hier oben einen Spaziergang zu machen und hat sich mit Kind und Kegel, Oma und Hund, Kinderwagen und Scooter mit der Seilbahn hinaufführen lassen. Wir dürfen auch bald erfahren, warum. Hier oben ist es einfach traumhaft. Wir kommen jetzt nur langsam voran, da wir ständig den Wanderern ausweichen müssen. Aber nach der Bergstation der Seilbahn geht es dann wieder flotter weiter. Und nach St. Ulrich runter können wir es wieder wie gewohnt laufen lassen. Begleitet von der atemberaubenden Rosengarten-Latemar-Kulisse nähern wir uns unserem nächsten Ziel: die Seiseralm. Am höchten Punkt angekommen, bleiben wir für einige Zeit stehen und genießen die herrliche Aussicht. Und auch die Abfahrt bis Campitello ist beeindruckend. Auf halben Weg hinunter treffen wir Franz, der uns entgegengefahren ist. Gemeinsam noch eine kleine Rast, bevor wir wieder einige Kilometer auf einem Radweg bis Predazzo, unserem heutigen Zielort, runterkurbeln müssen.

 

Der 5. Tag startet mit einem ganz versteckten, kleinen Pfad. Ohne GPS hätten wir diesen wohl nie gefunden. Nach einiger Zeit kommen wird dann doch wieder auf eine Forststraße, auf der wir gemütlich dahingleiten. Das ist ungewöhnlich. Normalerweise startet eine Tagesetappe ja mit der Erstürmung eines Gipfels. Heute aber dürfen wir den Tag leicht bergab fahrend beginnen. Sehr angenehm. Hier sind wir schon in einer ganz anderen Gegend. Wir durchfahren riesige Apfelplantagen. Bis Molina di Fiemme geht es so dahin. Aber dann wartet nach dem Mittagessen in Auer wieder eine von meinen gefürchteten 'Zusatzhupfern' auf unsere Wadeln. Die Kellnerin, die unseren weiteren Weg erfrägt, kann sich nicht vorstellen, dass dorthin ein Weg führt, der mit dem Rad befahrbar sein könnte. Und außerdem versteht sie nicht, warum wir auf diesem Weg nach Spormaggiore fahren wollen, wenn es doch eh so einen schönen Radweg im Tal dorthin gibt. Einige Male versucht sie uns den Radweg schmackhaft zu machen bevor sie schließlich kopfschütteln aufgibt. Bei brütender Hitze durchqueren wir die Ebene etwas südlich vom Kalterer See. Die ersten Minuten der folgenden Auffahrt sind nicht angenehmer. Im Gegenteil. Unbarmherzig knallt die Sonne auf uns herab, während wir eine Schotterstraße den Hang hinauffahren. Nach einer kurzen Tragepassage wird es endlich angenehmer. Der Wald spendet Schatten. Ab jetzt sind die Qualen nicht mehr so quälend und nach einiger Zeit trauen wir unseren Augen nicht. Steht da doch tatsächlich ein Schild mit der Aufschrift 'Buschenschank'. Da müssen wir natürlich hin. Während wir uns stärken, können wir die Aussicht auf die inzwischen weit unter uns liegende Ebene und den Kalterer See genießen. Die folgende Abfahrt nach Mezzocorona hat es in sich. Sie ist stellenweise so steil, dass wir einige Male stehen bleiben müssen, um die Bremsen abkühlen zu lassen. Auch wir müssen uns in Mezzocorona bei einem Brunnen abkühlen. Denn wieder im Tal angelangt, erschlägt uns die Hitze förmlich. Bis nach Spormaggiore, wo wir heute nächtigen, ist es jedoch Gott sei Dank nicht mehr weit.

 

Der 6. und somit letzte (offizielle) Tag stellt sich erst mal sehr unangenehm ein. Die Auffahrt nach Andalo ist stellenweise sehr steil. Aber das sind wir ja an und für sich gewohnt und entlockt uns höchstens nur ein halbernstes Schimpfwort. Aber heute werden so richtige Hasstiraden losgelassen. Grund dafür: Ausgerechnet während des steilsten Teilstückes überfällt uns ein Schwarm Bremsen. Das verlangt doch einige Koordination. Treten, schlagen, lenken und fluchen muss man mal gleichzeitig bewerkstelligen. Und das als Mann. Von diesen behauptet Frau ja gerne, dass sie nichts gleichzeitig zu tun fähig wären. Aber bald wird es ebener und wir können den Mistviechern enteilen. Jetzt freuen wir uns schon auf ein Bad im Lago di Andalo. Die nächste Enttäuschung folgt unmittelbar. Der Lago entpuppt sich als größere Mischung aus Ententeich und Sumpf. Man erkennt fast nicht, dass es sich hierbei um einen See handeln soll. Unsere Hoffnung beschränkt sich nun auf den noch ausständigen Lago di Molveno. Und wir werden nicht enttäuscht. 'Wau!', selten so einen schönen See gesehen. Und je länger wir das Panorama auf uns wirken lassen, desto mehr stellt sich die Frage ein, warum wir noch zum Gardasee weiterfahren sollten. Am Gardasee kann es nicht schöner sein als hier. Dieser See wäre somit ein mehr als würdiger Abschlussort für eine Transalp. Aber schließlich verwerfen wir wieder diese Gedanken und fahren weiter. Und nach einer dreistündigen Fahrt auf einer schönen Panoramastraße erreichen wir schließlich das Ziel. Ja; wir haben wieder einmal den Gardasee erreicht! Die schon zur Tradition gewordenen Belohnungen holen wir uns natürlich auch ab. Das wäre natürlich einmal ein ausgiebiges Bad im See und am Abend eine Fischplatte in unserem 'Stammlokal'.

 

Am 7. Tag ist die Heimreise geplant. Aber wir erinnern uns noch an die unglaublich schönen Eindrücke der Tremalzoabfahrt im Zuge unserer Transalp II im Jahr 2008. Und da die offizielle Tour schon beendet ist, lassen wir uns von Franz mit dem Auto die 1800 Höhenmeter bis zum Tremalzo raufführen und genießen nochmals die wirklich phantastische Abfahrt zum Gardasee. Danach treten wir die Heimreise per Bahn an. In Innsbruck müssen wir leider 4 Stunden auf den Anschlusszug warten. Und als dieser dann endlich kommt, ist absolut kein Platz mehr frei. Und so dürfen wir von Innsbruck bis St. Pölten im Einstiegsbereich am Boden liegend schlafen. Ein wenig erfreulicher Ausklang unserer heurigen Transalp. Dennoch werden uns diese 7 Tage wieder ewig in schöner Erinnerung bleiben.

 

Besonderen Dank an Franz Dörfler, der dem Grundgedanken einer 'Transalp light' folgend den Gepäcktransport übernahm und sich im Zielort schon (manchmal sehr mühevoll) auf Quartiersuche begab, während wir (Buhr Tom, Grössing Burkhard, Nagl Manfred, Rubitzko Michi und Skov Peter) uns in pipifeiner Hochgebirgsumgebung dem feudalen Genuss hingeben durften. 

 

Michael Rubitzko

Daten und Fakten:


18.8.: Anreise


19.8.: Weerberg - Gries am Brenner 

Stationen: Geiseljoch, Lanersbach, Tuxer Joch, Kasern, Gries am Brenner

65 Kilometer und  2.418 Höhenmeter


20.8.: Gries am Brenner - Fussentrass

Stationen: Sattelberg, Brenner Grenzkammstraße, Flachjoch, Sandjoch, Giggelberg, Schlüsseljoch, Fussendrass

54 Kilometer und  2.197 Höhenmeter

 

21.8.: Fussendrass - San Pietro

Stationen: Pfunderer Joch, Nieder Vintl, Russis Kreuz, St. Peter im Villnösstal

86 Kilometer und 2.465 Höhenmeter

 

22.8.: San Pietro - Predazzo

Stationen: Broglesalm, Raschötzer Höhenweg, St. Ulrich, Seiseralm, Mahlknechtjoch, Campitello, Predazzo
74 Kilometer und  2.159 Höhenmeter

 

23.8.: Predazzo - Spormaggiore

Stationen: Molina di Fiemme, Auer beim Kalterer See, Corona, Mezzocorona, Spormaggiore
92 Kilometer und 1.872 Höhenmeter

 

24.8.: Spormaggiore - Riva del Garda

Stationen: Andalo. Lago Molveno, Ranzo, Sarche, Arco, Riva del Garda
65 Kilometer und 1.023 Höhenmeter

 

25.8.: Riva del Garda - Tremalzo - Riva del Garda

 31 Kilometer und 379 Höhenmeter

 

In Summe 467 Kilometer und 12.513 Höhenmeter

 

GPS-Daten der Tour

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UND LOS GEHT'S!