Transalp IV - 16.7. - 23.7.2010
Die Bildergalerie benötigt mindestens Flash Version 9.0.28!
Bitte den aktuellen FlashPlayer installieren.
Fünf Teilnehmer machten sich heuer auf, die Strecke von Gries am Brenner bis zum Gardasee auf dem Mountainbike zurückzulegen. Besonders gefreut hat mich die Teilnahme von Gabi Pfarrhofer. War es doch sie, die die Idee 'Transalp' im Jahr 2007 gebar, die 'Transalp I' auch perfekt organisierte und so den Grundstein für wunderschöne Momente und Eindrücke legte, die allen bisherigen Teilnehmern wohl ewig in Erinnerung bleiben werden. Erstmals bei einer Transalp dabei war Burkhard Grössing. Weiters fuhren mit: Peter Skov, Sepp Koller und meine Wenigkeit - Michael Rubitzko.
Um den Start nicht gleich stressig zu beginnen, reisen wir bereits am Vorabend des ersten Tourentages an und nächtigen in Innsbruck. Am nächsten Morgen fahren wir mit der Bahn nach Gries am Brenner, dem Startpunkt der Tour.
Das erste Highlight lässt nicht lange auf sich warten. Über die Stationen Sattelberg, Kreuzjoch, Flachjoch und Sandjoch befahren wir die 'Brenner Grenzkammstraße', eine ehemalige Militärstraße. Sie verursacht bei uns doch einen etwas zwiespältigen Mix an Eindrücken. Einerseits genießen wir die tollen Aussichten z. B. auf die weit unter uns liegende Brenner-Autobahn, auf der gerade viele Urlauber nach Italien ziehen, um sich dort zu erholen. Andererseits vermitteln die allgegenwärtigen Bunker aus dem 1. Weltkrieg das Leid von tausenden Soldaten, die über diese Straße nach Italien in den Kampf zogen.
Nach dem Downhill nach Gossensass und dem dortigen Mittagessen erklimmen wir über die Zirogalm und Enzianhütte das Schlüsseljoch, wobei uns ab der Enzianhütte der grobsteinige Weg meist zum Schieben der Räder einladet. Die Kräfte wollen eingeteilt werden. Es liegt noch ein weiter und anstrengender Weg vor uns. Auf einem Schotterweg, der sich später zu einer Schotterstraße verbreitert, vernichten wir 800 Höhenmeter in einem Stück und landen schließlich in Fussendrass, unserem heutigen Zielort.
Mit dem 'Pfitscherhof' finden wir ein paar Kilometer in Richtung 'St. Jakob im Pfitsch' ein günstiges Quartier.
Am zweiten Tag haben wir nur einen Gipfel zu erklimmen. Das Pfunderer Joch ist dafür mit knapp 2.600 m der höchste Punkt unserer heurigen Tour. 1.200 Höhenmeter in einem Stück gilt es zu erkurbeln. Die Auffahrt hat fast durchgehend eine ganz schön heftige Steigung, sodass wir uns meist im 1. Gang fahrend hinaufkämpfen. Die traumhafte Hochgebirgskulisse entschädigt allerdings für die Mühen.
Mit der Zeit wird der Trail immer schwieriger und kurz bevor die Schiebestrecke über die letzten 300 Höhenmeter beginnt, passiert es: Peter verliert das Gleichgewicht, kann sich nicht mehr abstützen und stürzt den Hang hinunter. Nach ein paar Überschlägen kann er sich abfangen; sein Rad stürzt jedoch weiter hinunter und bleibt erst am Fuß des Hanges im Bachbett liegen. Nach der Bergung ergibt die Inspektion, dass beide Bremshebel gebrochen sind. Auch der Helm hat einige Brüche erlitten. Peter ist Gott sei Dank nichts Gröberes passiert. Die gebrochenen Bremshebel kann Sepp mit Kabelbinder wieder fixieren, sodass einer Weiterfahrt nichts mehr im Wege steht. Später bemerkt Peter auch noch, dass er seine Brille und die Trinkflasche verloren hat.
Am Pfunderer Joch begrüßt uns stürmischer, kalter Wind. Auch liegt noch ein bisschen Schnee. Der Blick auf der anderen Seite hinunter stimmt einige von uns nachdenklich. Der Weg führt eine steile Flanke hinunter und es lassen sich einige Schlüsselstellen erkennen, deren fahrende Überwindung doch einen gewissen Mut und ein bisserl Fahrkönnen erfordern werden. Und so sind es nur Sepp und ich, die die Abfahrt nach ein paar 'Gipfelfotos' AM Bike in Angriff nehmen, während die anderen der Position NEBEN dem Bike den Vorzug geben.
Nach einem kurzen Flachstück über einige Schneefelder wird es dann allerdings noch heftiger. Ein schmaler Weg - nein, eigentlich eine Rinne - die mal mehr mal weniger mit Geröll gefüllt ist, erfordert nun auch von Sepp und mir volle Konzentration. Wohl auch mit ein bisschen Glück überwinde ich so manche verblockte Stelle. Einmal ist jedoch der Stein, den ich überwinden möchte, wohl doch zu groß. Das Vorderrad bleibt hängen, mein Körper bewegt sich jedoch dem Trägheitsgesetz folgend weiter, was dazu führt, dass sich dieser über den Lenker hinweg Richtung Erde bewegt um nach ein paar Millisekunden auch auf diesem aufzuklatschen wie überreifes Fallobst. Der Hinterbau meines Rades folgt mir wie ein treuer Hund und schlägt knapp neben mir ein. Ich spring schnell auf und schau, ob eh keiner mein Hoppala gesehen hat. Man hat ja doch einen gewissen Stolz. Dann greif ich mir mein Rad, um zu sehen, ob auch dieses alles unbeschadet überstanden hat. Na ja; hätte schlimmer kommen können. Lediglich der Lenker und das GPS-Gerät dürften an einer Stelle Bodenkontakt gehabt haben, an der sich offenbar kurz zuvor eine Kuh ihrer Verdauungsrückstände entledigte.
Bis zur Weitenbergalm geht es noch in dieser Gangart weiter; danach können wir auf einer anspruchslosen Schotterstraße fahrend die schöne Landschaft auf uns einwirken lassen. Um 14:30 erreichen wir Pfunders, wo wir unsere Eindrücke bei einem Mittagessen nachwirken lassen. Auf den restlichen 45 Kilometern bis zu unserem Etappenziel erwarten uns keine technischen Herausforderungen mehr. Um 18:30 kommen wir im malerischen St. Vigil an, wo wir in einer Pizzeria unsere leeren Speicher randvoll füllen.
Der dritte Tag ist lt. Planung wohl der schwierigste. Gleich vier Gipfelsiege stehen am Programm. In Summe wären mehr als 3000 Höhenmeter zurückzulegen. Da bei so einer Etappe kaum Platz für technische Probleme oder unvorhersehbare Widrigkeiten vorhanden ist, habe ich schon bei der Vorbereitung nach Alternativen gesucht und in Form einer Seilbahn auf den 4. Gipfel - den Col Vescovo - auch gefunden.
Aber der Reihe nach: Am Morgen starten wir die Auffahrt auf den 'Crusc da Rit'. Die Auffahrt erfolgt über eine teilweise doch recht steile Schotterstraße. Der Downhill auf einem noch steileren Wanderweg über wunderschöne Wiesen macht da schon mehr Spaß. Kurz darauf starten wir die nächste Auffahrt. Die Route führt über die Armentarawiesen mit ihren fast schon kitschig idyllischen Holzhütterl zum 'Heilig Kreuz'. Bei der Auffahrt genießen wir wieder einmal die wunderschöne Landschaft.
Was uns dann allerdings beim darauffolgenden Downhill geboten wird, gehört zu den unglaublichsten Erlebnissen, die man als Mountainbiker erwarten kann. Ein schmaler Trail, den man einfach nur als phantastisch bezeichnen kann, weist uns den Weg hinunter; mal gespickt mit einigen Hindernissen, die die Fahrtechnik fordern, mal Streckenabschnitte mit ständigem Auf und Ab, wobei die 'Aufs' stets dank des ausreichenden Tempos ohne Treten geschnupft werden können. Dann wieder einfach nur eine steile, kurvige, eher leicht zu fahrende Piste, die einem dazu verleitet, die Finger von den Bremshebeln zu nehmen, um sich einfach nur dem Geschwindigkeitsrausch willenlos auszuliefern. Wenn man so richtig in einen Flow kommen kann, dann auf Strecken wie diese. Einfach ein Wahnsinn. Am Ende des Weges angekommen, grinsen wir uns an wie die sprichwörtlichen Hutschpferde und jeder ist voll Euphorie und einfach nur glücklich, das erlebt haben zu dürfen.
Dann fahren wir noch weiter ins Tal Richtung Costadedoi. Drei von uns übersehen allerdings eine Abzweigung und fahren eine andere Strecke. Ich fahre mit Gabi die vorgegebene Route. Kurz vor Costadedoi bleibt Gabi stehen. Ich nehme an, um ein Foto zu machen und fahre weiter. Tatsächlich hat sie jedoch eine Reifenpanne. Leider hat sie keinen Ersatzschlauch mehr und den kaputten Schlauch zu flicken geht auch nicht, da das Ventil ausgerissen ist. So bleibt ihr nach einem erfolglosen Reparaturversuch nichts anderes übrig, als das Rad den restlichen Weg zu schieben.
Ich suche in Costadedoi inzwischen ein Lokal für die Mittagspause und warte auf den Rest der Gruppe. Nach einer Weile trudeln Burkhard, Peter und Sepp ein. Auf Gabis Ankunft müssen wir allerdings noch länger warten. Nach der Mittagspause samt Behebung der Reifenpanne starten wir die Auffahrt auf den Pralongia. Die Route führt ab St. Kassian auf einer Forststraße über saftige Wiesen, die freien Ausblick auf die umliegenden Gebirgszüge gewähren. Wieder mal ein tolles Panorama. Über den Passo Incisa und den Passo Campolongo geht's auf einem schönen Wanderweg wieder runter bis Arabba, wo wir kurz vor 16:00 Uhr ankommen.
Jetzt steht die Auffahrt auf den Col Vescovo am Programm. Es sind 900 Höhenmeter zu überwinden, wobei die letzten 150 Höhenmeter nicht fahrbar sind. Bis zum geplanten Etappenziel Canazei ist dann auch noch eine relativ lange Strecke den Bergrücken entlang und eine lange Abfahrt großteils auf Wanderwegen zurückzulegen. Burkhard, Peter und Sepp haben sich allerdings schon bei der Abfahrt nach Arabba entschieden, mit der Seilbahn den letzten Gipfel zu stürmen. Ich überlege noch bis kurz vor der Abfahrt der Gondel und fahre dann doch auch mit der Gondel. Ausschlaggebend war wohl, dass ich ein weiteres Highlight der Tour, den Bindelweg, und die Abfahrt nach Canazei noch bei Sonnenschein erleben möchte. Und die Entscheidung war gut. So können wir ohne Zeitdruck das phantastische Panorama entlang des Bindelweges mit vor Staunen offenen Mündchen genießen.
Beim Rifugio Viel del Plan machen wir eine Pause und warten auf Gabi, die erst eine spätere Gondel erreicht hatte. Gemeinsam starten wir die Abfahrt zum Passo Pordoi. Dort angekommen erwartet uns eine Überraschung der besonderen Art. Unsere Route mündet doch tatsächlich in eine Freeridestrecke (Anm. für Nicht-Mountainbiker: das ist eine technisch besonders anspruchsvolle, künstlich angelegte Strecke mit allerlei künstlichen und natürlichen Hindernissen, die man normalerweise mit einem speziellen, besonders robusten Rad mit viel Federweg befährt). Ich pack es einfach nicht. Der Ersteller der Tourdaten schickt doch tatsächlich Tourenbiker mit Rucksack auf eine Freeridestrecke!
Aber da wir ja für alles offen sind, schmeißen wir uns in die Bahn (und Burkhard schmeißt es kurz später auch gleich vom Rad ;-)), fetzen den Trail hinunter und lassen es dabei so richtig krachen. Manchmal glaube ich, dass eigentlich jeden Moment die Räder mit einem lauten Krach auseinanderbrechen müssten und manchmal ist man auch versucht, einfach die Augen zu schließen, um das nahende Hindernis nicht sehen zu müssen. Aber am Ende der Strecke ist es wieder da: das Grinsen, das immer in unseren Gesichtern zu sehen ist, wenn der Körper zuvor Unmengen an Adrenalin in die Venen gekippt hat. Um 18:15 kommen wir schließlich in Canazei an, wo wir am Abend noch durch den schönen Fremdenverkehrsort bummeln.
Am vierten Tag erstürmen wir zuerst den Passo San Nicolo. Die Forststraße ist wieder sehr steil. Oft schieben wir die Räder um unsere Kräfte für den Rest der Tour zu sparen. Und die letzten 350 Höhenmeter ist sowieso nichts mit Fahren. Dieser Teil ist sogar in den Unterlagen schon als Schiebe-/Tragestrecke eingezeichnet. Und wenn es dort so ist, dann ist es auch so. Und so schieben wir die Räder ab dem Rifugio Contrin in herrlicher Berglandschaft den Pass hinauf.
Oben angekommen, sehen wir Gabi äußerst komische Verrenkungen machen. Sie kann machen, was sie möchte, ihr Schuh lässt sich nicht mehr vom Pedal ausklicken. Ein prüfender Blick und es steht fest, dass sie einen der beiden Schrauben der Schuhplatte verloren hat und sich diese nun nicht mehr mit dem Fuß mitdreht sondern im Pedal fixiert bleibt. Mit ein bisschen Gewalt wird Gabi erlöst und Sepp findet an Peters Rad eine passende Schraube. Währenddessen 'kleben' Peter und ich die Radmäntel mit Powergel an die Felgen, da Gabi offensichtlich zu dünne Schläuche verkauft bekommen hatte, was dazu führte, dass die Mäntel auf der Felge 'wanderten' und so immer wieder das Schlauchventil ausgerissen haben.
Die anfangs wieder anspruchsvolle und danach gemütliche Abfahrt führt uns über Meida nach Someda. Kurz nach Someda beginnt die Auffahrt auf den Passo di Lusia. Als Einstimmung erwartet uns gleich ein schöner Anblick: Wir sehen durch einen kurzen Tunnel nur eine dahinter liegende Schotterwand; so steil beginnt der Weg. Ein bisschen erschlagen vom Anblick beginnen wir die Auffahrt. Gott sei Dank führt der Weg durch relativ dichten Wald, der uns vor der heißen Mittagssonne schützt.
Ansonst ist die Auffahrt und auch die anschließende Abfahrt nach Paneveggio eher unspektakulär. Die hohen Gipfel der Dolomiten haben wir inzwischen hinter uns gelassen und somit wird das Gelände doch um einiges 'gemütlicher'. Auf Asphalt fahren wir bis zum Val Venegia. Dort führt die Route wieder durch eine traumhafte Gebirgskulisse zur Baita Segantini und weiter zum Passo Rolle. Das ist wieder eine der Strecken, die alle Anstrengungen vergessen lassen und man sich nur wunder kann, welch traumhafte Formationen die Natur zur Betrachtung bereitstellt. Mein Fotoapparat ist in Dauereinsatz.
Um 18:40 erreichen wir unser Etappenziel San Martino di Castrozza. Wieder ein äußerst schöner Tourismusort. Gabi führt uns zum empfehlenswerten Hotel 'S. Martino', in dem sie schon bei einer ihrer früheren Tour genächtigt hatte. Für einen erstaunlich günstigen Preis können wir im Wellnessbereich bei Sauna und Schwimmbecken so richtig relaxen.
Der fünfte Tag führt uns auf einer Forststraße zur Malga Tognola. Ich freue mich schon auf die Abfahrt; ist doch in den Unterlagen ein Wanderweg eingezeichnet, der 400 Höhenmeter hinunter führt. Vielleicht wieder so ein Traumtrail wie am 3. Tag?
Die Realität sieht allerdings ganz anders aus. Dieser Weg wird mir ewig als 'Kuhweg' in Erinnerung bleiben. Der 'Weg' besteht nämlich nur aus relativ weit auseinander liegenden großen Steinen, die in einer Mischung aus Morast, Jauche von geschätzten 3 Millionen Kühen und was weiß ich, was in dieser Suppe noch alles enthalten war, liegen. Fahren geht da überhaupt nicht. Wir balancieren von einen Stein zum anderen und hoffen nur, nicht abzurutschen. Leider gelingt das nicht immer und so mancher Schuh wird mit einem lauten Schmatzen in den wohlriechenden Tiefen der Jauche-Morast-Mischung versenkt. Igitt!
Auch belastet dieser Weg ziemlich unseren Zeitplan. Statt der ursprünglich geschätzten 15 Minuten benötigen wir fast eine ganze Stunde, um die Räder mehr oder weniger hinunter zu balancieren. Doch irgendwann mündet der Weg in eine Forststraße, auf der wir dann bis ins Tal wieder Tempo machen können.
In Caoria decken wir uns in einem Supermarkt mit Lebensmittel ein und starten die im Vergleich zu dem, was wir schon erlebt haben, relativ gemütliche Auffahrt auf den Passo Cinque Croci. Nach der ebenfalls eher gemütlichen Abfahrt müssen wir leider auf Asphalt 'Kilometer schinden', bevor wir den nächsten Berg erklimmen können. Von Agnedo bis kurz nach Selva kurbeln wir ca. 25 km monoton auf einem Radweg dahin. Besonders für mich ist das eine Qual, da ich nicht mehr weiß, wie ich sitzen soll, so tut mir schon mein Allerwertester weh.
Das ändert sich leider auch auf der anschließenden Auffahrt zum Kaiserjägerweg nicht. Und so fahr ich mal die ersten 600 Höhenmeter nur am Rad stehend. Das ist jedoch ziemlich belastend für die Knie und so beginnen schön langsam diese zu schmerzen. Den Rest fahr ich daher entweder stehend oder sitzend, je nachdem ob grad der Hintern oder die Knie weniger weh tun. Das letzte Stück bis Bertoldi, wo wir übernachten, führt die Strecke wieder über Stock und Stein auf einem schönen Waldweg.
Für den sechsten und letzten Tag hab ich noch ein Abschluss-Highlight eingeplant: den Monte Maggio. Doch zuerst fahren wir mal auf Forststraßen und Waldwegen auf den Passo Sommo und Passo Coe. Dort beginnt dann die Auffahrt auf den Monte Maggio. Der Weg wir zunehmend schmäler, steiler und steiniger. Auch rückt der immer steiler werdende Abgrund immer näher an den Weg, bis es schließlich schon ein bissl ein mulmiges Gefühl verursacht, so nah am Abgrund dahinzufahren. Ein Sturz wie ihn Peter am zweiten Tag hatte, hätte hier wohl weit schlimmere Folgen. Ich bleib öfters stehen, um die famose Aussicht zu genießen, denn während der Fahrt traue ich mich nicht, auch nur kurz den Blick vom Weg zu wenden.
Bei einer Wegkreuzung entschließe ich mich, auf die anderen zu warten. Sepp und Peter kommen auch bald und fahren gleich weiter. Auf Gabi und Burkhard warte ich dann allerdings noch ewig, weil Burkhard eine Reifenpanne hatte. Irgendwann kommen sie dann. Doch als wir gemeinsam weiterfahren möchten, ist Burkhards Reifen schon wieder luftleer. Also wieder Rad ausbauen, Mantel runter und Loch suchen. Bei der Kontrolle findet sich ein großer Nagel, der noch immer im Mantel steckt. Gabi ist inzwischen auch weitergefahren und wir haben keinen Ersatzschlauch mehr. Also müssen wir flicken. Leider hatte der Verschluss der Klebertube einen Sprung und es kommt nur mehr eine zähflüssige Masse heraus. Hm, ob das hält? Mangels Alternative probieren wir es. Danach wieder alles zusammenbauen und Luft einpumpen. Doch nach ein paar Metern ist schon wieder die Luft raus. Jetzt bleibt Burkhard nichts anderes übrig, als das Rad zu schieben. Ich fahr inzwischen vor und hoffe, dass die anderen noch nicht ins Tal abgefahren sind, was auch Gott sei Dank nicht der Fall ist. Irgendwer hat noch einen Ersatzschlauch und so können wir im 3. Anlauf endlich die Reifenpanne dauerhaft beheben. Allerdings hat uns das jede Menge Zeit gekostet.
Bald danach erreichen wir das Gipfelkreuz. Hier herrscht irgendwie eine mystische Atmosphäre. Die nähere Umgebung ist von einigen Schützengräben durchzogen, es wird zunehmend kühl und es ziehen dichte Wolkenfetzen durch, die den weiteren Weg oft ins Ungewisse tauchen. Dann lockert es wieder ein wenig auf und schemenhaft kann man erahnen, wie grandios die Aussicht ins Tal bei klarer Sicht wohl wäre. Tja, das ist er also: unser letzter Gipfel der heurigen Tour. Ein bisschen Wehmut mischt sich zu all den anderen Gefühlen.
Der Weg ins Tal bleibt herausfordernd. Wieder schmal und einem steilen Abhang entlang. Irgendwann wird der Weg dann auch noch so steil, dass an ein Befahren nicht mehr zu denken ist. Es wäre einfach zu gefährlich. Plötzlich stehen wir vor einem englischen LKW aus dem 1. Weltkrieg. Da der Weg danach zwar mit dem Rad zu befahren ist, aber doch sehr schmal bleibt, ist es uns ein Rätsel, wie der LKW hierher gekommen ist.
Bis zum Passo Borcola können wir dann wieder einen schönen steilen Waldweg hinunterfetzen. Dann fahren wir ein kurzes Stück auf einer Straße, bis uns das GPS-Gerät wieder von dieser in den Wald leitet. Aber der einzige sichtbare Weg stimmt nicht ganz mit dem GPS-Track zusammen, was uns dann aber nicht allzu viele Sorgen bereitet, da das schon mal vorkommen kann. Wir fahren eine Zeit lang einen wunderschönen Waldweg entlang bis plötzlich der GPS-Track komplett vom Weg abweicht. Wir müssen doch den falschen Weg erwischt haben. Also wieder alles retour. Am Startpunkt angekommen, suche ich nach dem richtigen Weg. Nach längerer Suche finde ich schließlich eine Markierung im Wald, die offenbar einen Weg kennzeichnen soll; nur den dazugehörigen Weg kann man nur mit sehr viel Phantasie erkennen. Diesen Weg ist wohl die letzten 100 Jahre kein Mensch mehr gegangen.
Ich will meine Erkenntnis den anderen mitteilen. Nur die sind plötzlich nicht mehr da. Hm; telefonisch erreiche ich niemanden. Also denke ich mir, dass sie wohl auf der Straße runter gefahren sind und fahre auch los. In Geroli, dem nächsten Ort, sehe ich dann auch schon alle bis auf Peter am Straßenrand stehen. Da wir gleich weiterfahren wollen, suche ich Peter, der eh in der Nähe sein soll. Doch weit und breit kein Peter zu sehen. Er ist offensichtlich schon am direkten Weg auf der Straße Richtung Gardasee unterwegs. Unser Weg würde uns allerdings wieder ein Stück bergauf zu einem weiteren Waldtrail führen. Nach einer kurzen Diskussion entschließen wir uns, ohne Peter den geplanten Weg zu fahren. Eine gute Entscheidung. Denn der Waldtrail (den ich wegen der in rauen Mengen herumliegenden Nadelbaumzapfen 'Pockerlweg' getauft habe) ist ein würdiger Abschluss. Noch einmal ein Downhill der feinen Sorte, der die Glückshormone strömen lässt.
Der Pockerlweg mündet schließlich in die Straße nach Rovereto. Sepp, Burkhard und ich warten dort auf Gabi. Nach einiger Zeit kommt sie und wir fahren los. Ab jetzt geht es nur mehr auf der Straße hinunter nach Rovereto und von dort auf einem Radweg ca. 20 Kilometer zum Gardasee.
Doch Burkhard schreit unmittelbar nach dem Start ein Wort, dass ich heute nicht mehr hören kann: 'Potschn!' Paaaah; das gibt es ja nicht! Also gleich wieder stehen bleiben und Schlauch flicken. Danach wieder alles montieren und Luft einpumpen. Doch Sepp pumpt schon einige Minuten und der Reifen wird nicht so richtig hart. Mist, irgendwas stimmt da nicht. Also nochmal Mantel runter. Ich pumpe den Schlauch etwas auf und halte ihn in ein nahes Wasserbecken. Aus gleich VIER weiteren Löchern steigen die Luftblasen auf. Ich schau kurz auf die Uhr. Eigentlich sollten wir schon am Gardasee sein. Aber was solls; so ist es halt. Und genau solche Zwischenfälle machen ja auch den Reiz einer 'Transalp' aus. Das sind die Geschichten, an die wir uns auch noch in einigen Jahren lachend erinnern werden. Gott sei Dank hat sich Gabi vor kurzem einen neuen Schlauch gekauft, den sich jetzt Burkhard ausborgen kann. Diesmal klappt alles und wir düsen nach Rovereto. Dort verabschieden sich leider Gabi und Sepp. Gabi muss schon zurück und Sepp freut es nicht mehr, die 20 Kilometer am Radweg abzuspulen.
Während wir in Rovereto noch auf die gelungene Tour anstoßen, ruft plötzlich Peter an. Er teilt uns mit, er habe uns in Geroli nicht mehr gefunden und sei daraufhin auf der Straße weitergefahren und sei nun schon am Gardasee angelangt. Burkhard und ich machen uns nach der Verabschiedung von Gabi und Sepp schließlich auf den Weg zum Gardasee, wo wir schließlich Peter am Strand liegend antreffen.
Ein komischer Gefühlsmix durchströmt mich. Es ist ein Mix aus Glück, die Tour geschafft zu haben und so unbeschreiblich schöne Tage erlebt zu haben, gemischt mit Wehmut, dass diese schöne Tour nun zu Ende ist und mit dabei auch ein bisserl Traurigkeit, dass wir nicht alle gemeinsam am Ziel angekommen sind sondern sich die Gruppe die letzten paar Stunden der Tour so aufgebröselt hat, nachdem wir so viel gemeinsam erlebt hatten.
Wir begrüßen Peter, ziehen uns schnell um und hüpfen in den Gardasee. Wow; was für ein Gefühl! Dieser Moment war mein Ziel der letzten sechs Tage. Und nun ist es soweit. Ich koste diesen Moment ganz bewusst aus, im Wissen, mindestens ein Jahr warten zu müssen, um dieses Gefühl wieder erleben zu können.
Am Abend feiern wir dann noch in Riva del Garda in unserem 'Stammlokal' bei einer Fischplatte und ein paar Gläschen.
Am nächsten Tag fahren wir mit dem Rad wieder nach Rovereto und von dort mit dem Zug bis zum Brenner. Heuer fahren wir erstmals mit dem Zug und nicht mit dem Rad nach Innsbruck, da es kurz vorm Brenner start zu regnen begonnen hat. In Innsbruck gibt es Abwechslung im Speisplan: statt Spaghetti wieder einmal ein richtiges Wiener Schnitzel mit Pommes. Das schmeckt! Mit dem Zug fahren wir nach Wien, wo uns Uschi, Peters Frau, abholt (nochmals danke Uschi!).
Zu Hause schnell gebadet und rasiert und ab auf den Königstetter Schlosshofkirtag...!
In Summe war diese Tour wieder ein Wahnsinnserlebnis. Manchmal irrsinnig hart, aber doch auch immer irrsinnig schön. Diese Art von Touren muss man mögen, um Freude daran zu haben. Nicht umsonst habe ich in der Ausschreibung den Personenkreis schon wie folgt eingegrenzt:
reagieren statt planen; improvisieren; Unerwartetes stoisch akzeptieren; sich dem Unbekannten hingeben; bereit sein, an die Grenzen zu gehen; Freude daran haben, Ausnahmesituationen gemeinsam zu meistern; Probleme als Erfordernis für Erfolgserlebnisse sehen; noch Jahre danach mit Freude daran denken und dabei eine Gänsehaut bekommen
DAS ALLES IST TRANSALP
wer dazu bereit ist, ist bei dieser Tour herzlich willkommen
Michael Rubitzko
Daten und Fakten:
16.7.: Anreise
17.7.: Gries am Brenner - Fussentrass
Stationen: Gries, Vinaders, Sattelberg, Brenner Grenzkammstraße, Kreuzjoch, Flachjoch, Sandjoch, Giggelberg, Zirogalm, Enzianhütte, Schlüsseljoch, Fussendrass
60 Kilometer und 2.386 Höhenmeter
18.7.: Fussentrass - St. Vigil
Stationen: Fussendrass, Pfundererjoch, Weitenbergalm, Pfunders, Vintl, Ehrenburg, Maria Saalen, Brach, Enneberg, St. Vigil
71 Kilometer und 2.178 Höhenmeter
19.7.: St. Vigil - Canazei
Stationen: St. Vigil, Crusc da Rit, Armentarawiesen, Heilig Kreuz, Costadedoi, St. Kassian, Ütia Sarages, Pralongia, Passo Incisa, Passo Campolongo, Arabba, Porta Vescovo, Bindelweg, Passo Pordoi, Canazei
62 Kilometer und 2.469 Höhenmeter
20.7.: Canazei - San Martino
Stationen: Penia, Rifugio Contrin, Passo San Nicolo, Meida, Someda, Rezila, Passo di Lusia, Paneveggio, Val Venegia, Malga Venegiota, Baita Segantini, Passo Rolle, San Martino di
Castrozza
67 Kilometer und 2.711 Höhenmeter
21.7.: San Martino - Bertoldi
Stationen: San Martino di Castrozza, Malga Tognola, Caoria, Rifugio Refavaie, Malga Val Cion, Passo Cinque Croci, Rifugio Carlettini, Rifugio Crucola, Spera, Strigno, Agnedo, Borgo
Valsugana, Marter, Kaiserjägerweg, Slaghenaufi, Bertoldi
100 Kilometer und 2.807 Höhenmeter
22.7.: Bertoldi - Riva del Garda
Stationen: Bertoldi, Carbonare, Passo Sommo, Passo Coe, Malga Melignetta, Monte Maggio, Passo Borcola, Malga Bisorte, Geroli, Maureri, Costa, Zaffoni, Rovereto, Riva del Garda
88 Kilometer und 1.746 Höhenmeter
23.7.: Rückreise (Gardasee - Rovereto)
20 Kilometer und 270 Höhenmeter
In Summe 468 Kilometer und 14.567 Höhenmeter
Unsere Strecke
Willst Du selbst eine Transalp planen und nicht Monate in die Vorbereitung investieren?
Kauf Dir das Buch 'Traumtouren Transalp' von Ulrich Stanciu, erschienen im Delius-Klasing-Verlag. Dem Buch beigelegt ist eine CD mit einem Programm, mit dem Du aus 638 Teilstücken 'Deine' Transalp zusammenstellen kann. Du kannst Dir das Höhenprofil und ein Roadbook ausdrucken. Gegen einen geringen Beitrag kannst Du die GPS-Daten übers Internet downloaden (http://www.bike-gps.com/).
Du hast es ganz eilig? Auf der dem Buch beigelgten CD sind bereits 18 Touren fix fertig zusammengestellt. Für diese Touren kannst Du ebenfalls die fertigen GPS-Daten downloaden.
Als Alternative zum Buch besteht auch die Möglichkeit, die Tour mit dem interaktiven Bike-GPS-Tourenplaner online zu erstellen (ebenfalls http://www.bike-gps.com).
UND LOS GEHT'S!
nächster Bericht >>> | zurück | <<< voriger Bericht
