Transalp II - 26.7. - 31.7.2008
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Achtung! Die Inkubationszeit beträgt nicht länger als ca. 5,5 Stunden. So lange dauert die Autofahrt von Königstetten nach Sterzing in Südtirol. Wenn man danach auf's Mountainbike steigt und die ersten Kilometer in dieser unglaublich schönen Landschaft hinter sich gebracht hat, ist man wohl endgültig dem Virus 'Transalp' erlegen. Und mit jedem Kilometer und jedem Höhenmeter sinkt direkt proportional die Chance auf Heilung bis sie schließlich gleich einem in den malerischen Lago di Tovel geworfenen Stein die Grenze vom fühlbar Vorhandenen ins nicht mehr Wahrnehmbare überschreitet. Michaela Dietrich, Franz Dörfler und ich hatten uns ja schon bei der letztjährigen Transalp infiziert; heuer machten nun auch Herwig Adler, Sepp Koller und Manfred Nagl diese Erfahrung.
Michaela und ich haben eine Tour zusammengestellt, die uns selbst zweifeln lässt, ob sie in der vorgesehenen Zeit von 5½ Tagen zu schaffen sei. Knapp 370 Kilometer und 14.000 Höhenmeter gespickt mit vier 1- bis 3-stündigen Schiebe- und Tragepassagen gilt es zu absolvieren. Zur Sicherheit haben wir daher auch ein paar Abkürzungen ausgearbeitet.
Um am ersten Tag keine Zeit durch die Anreise zu verlieren, fahren wir schon Freitag abends nach Sterzing. Damit wir uns nicht erst ein Quartier suchen müssen, nächtigen wir im Schlafsack. Warum wir uns als Lokation aber ausgerechnet den reservierten Parkplatz für das Militärpersonal der nahen Kaserne aussuchen, ist mir ein Rätsel. Gott sei Dank bleiben wir aber unentdeckt und es bleibt uns Ärger mit der Militärpolizei erspart.
Am nächsten Morgen starten wir mit ein wenig Kribbeln im Bauch die Tour. Ja! Jetzt geht's los! Wir fahren erst mal Richtung Westen; unser erster 'Gipfel' ist nämlich die Schneebergscharte. Vorbei am Bergbaumuseum Maiern fahren wir bis zur Moarerbergalm. Etwas früher als erwartet stellen sich die ersten Probleme ein. Bei Michaelas neuem Rad hat sich das Steuerlager gelockert und lässt sich nicht mehr dauerhaft festziehen; auch kämpt sie mit dem ungewohnten Sattel. Herwig's Gesichtsausdruck lässt auch erahnen, dass er schon angenehmere Stunden verbrachte; er hat starke Rückenschmerzen. Aber es ist ja bald für Abwechslung gesorgt. Ab der Moarerbergalm dürfen wir nämlich die Räder 1½ Stunden bis zur Schneebergscharte hinauftragen. Der Rucksack und das darauf liegende Rad machen meiner Schulter doch etwas zu schaffen; auch bekomme ich schön langsam Kopfschmerzen, da mein Herz mit jedem Schlag das Blut derart vehement in meinen Schädel hineinhämmert, dass ich das Gefühl habe, all mein Blut befände sich komprimiert in diesem. Für Michaela gibt's die nächste Überraschung: die am Boden liegende Trinkflasche (samt Flaschenhalter) gibt ihr zu verstehen, dass die Flaschenhalterbefestigungen aus dem teuren Carbonrahmen ausgerissen sind. Und überhaupt dürfte heute nicht gerade Michaelas Tag sein. Bei der anschließenden Abfahrt nach Moos reißt sie nämlich eine kapitale Brezn, die ihr nebst einiger blauer Flecken und Schürfwunden auch eine schöne Risswunde am Ellbogen schenkt, die eigentlich genäht werden müsste. Aber da keiner von uns eine Nähmaschine im Rucksack hat, picken wir halt das entzweite Fleisch wieder zusammen auf dass es sich über einen längeren Prozess hinweg wieder von selbst vereinigen möge. Die Aufahrt bis zum ersten Quartier in Pfelders verläuft dann pannenlos; dafür werden wir reichlich von oben begossen.
Am zweiten Tag gilt es gleich zu Beginn über 1.000 Höhenmeter im Zuge einer 3-stündigen Schiebe-/Tragepassage über die Lazinsalm aufs Eisjöchl aufzusteigen - mit 2.875 m der höchste Punkt unserer Tour. Obwohl doppelt so lange wie die gestrige Tragepassage fällt mir der heutige Aufstieg leichter, da ich das Rad meistens schieben kann und nicht tragen muss. Die darauf folgende Abfahrt zum Eishof entschädigt dann für alle Mühen, denn sie ist wohl mit das Geilste (Scusi für die Wortwahl - es gibt aber kein passenderes Vokabel), was ich in meinem mountainbikenden Dasein bisher erleben durfte. In Serpentinen mit engen Spitzkehren schlängelt sich ein schmaler Wanderweg die steile Bergflanke hinunter, gespickt mit allerlei scheinbar planlos herumliegenden Gesteinsbrocken und anderen schönen Gegenständen, die es wie auch immer zu überwinden gilt. Am Nachmittag dürfen wir uns bei der Abfahrt von der Naturnser Alm nach St. Pankraz einen ähnlich fantastischen Trail hinunterstürzen; diesmal ein steiler Waldweg, der mit allerlei Wurzelwerk und Geröll unsere Adrenalinausschüttung auf gefühlte 5 Liter je Minute erhöht. In St. Pankraz nächtigen wir und sind damit schon viel weiter gefahren als geplant - hätt' ich nicht geglaubt!
Der dritte Tag beginnt leider mit einer schlechten Nachricht. Franz ist in St. Walburg nach 15 km Fahrt mit seinen Kräften am Ende und möchte die Tour trotz längerer Überredungsversuche nicht mehr fortsetzen. Er fährt schließlich mit der Bahn nach Sterzing zurück, mit einem unserer Autos wieder zu uns und erwartet uns ab nun immer am Abend in unserem Quartier bzw. fährt er uns mit dem Bike ein Stück entgegen. Der Rest von uns fährt weiter zur Spitzenalm, wo wir gegen Mittag ankommen. Da wir erst ca. ein Drittel der Tagesetappe zurückgelegt haben und Manfred, Sepp und mir die Mittagspause schon zu lange dauert, fahren wir schließlich ohne Herwig und Michaela weiter. Der an und für sich fast ebene Waldtrail bis zur Laureiner Alm ist zwar wunderschön aber sehr anspruchsvoll und kräfteraubend. Wir hinken daher dem Zeitplan schon ziemlich nach. Die inzwischen wieder vereinte Gruppe überlegt schließlich, direkt nach Tuenno und nicht über den Passo delle Fraine und dafür nicht nur bis Tuenno sondern bis zum Lago die Tovel zu fahren. Ich möchte doch versuchen, die Tour wie geplant zu absolvieren und fahre daher alleine weiter. Die Strecke bleibt noch ziemlich lange anspruchsvoll und so komme ich nur langsam voran. Um 16:00 Uhr erreiche ich schließlich Cles. Jetzt muss auch ich mich entscheiden, ob ich noch den Pass erklimmen möchte. Bis zum Lago die Tovel müsste ich noch mehr als 2000 Höhenmeter absolvieren; das ist fast eine ganze Tagesetappe. Außerdem fühlen sich meine Oberschenkel schon ziemlich leer an. Wohl wissend, dass ich mich ewig darüber ärgern werde, entschließe ich mich schließlich etwas zerknirscht für die Vernunft-Variante und wähle den direkten Weg nach Tuenno. Dort warte ich eine ¾ Stunde auf die restliche Gruppe bevor ich schließlich alleine die 1½-stündige Auffahrt zum Lago die Tovel starte. Kurz vorm Ziel ruft mich Manfred an und teilt mir mit, dass sie doch nicht mehr zum Lago hinauffahren und in Tuenno übernachten. 'Mist, ich hätt doch den Pass fahren sollen', ärgere ich mich über mich selbst. Als Entschädigung kann ich am nächsten Morgen zwei ruhige Stunden am malerischen Lago die Tovel sinnieren, ehe die Gruppe wieder vereint ist.
Am vierten Tag steht ein weiteres Highlight am Programm: die Brentaüberquerung. Wir fahren zunächst die Ostflanke der Brenta entlang um dann schließlich ca. auf Höhe von Madonna di Campiglio die Überquerung zu starten - natürlich wieder mit einer Schiebe-/Tragepassage über zwei Stunden und 600 Höhenmeter. Obwohl wir zeitweise in leichten Hagel kommen, sind wir dennoch von den senkrecht aufragenden Felstürmen der Brenta, die in ihren charakteristischen orange-grauen Gesteinsschichten die Geschichte der Erde erzählen, überwältigt. Die Brenta ist sicher eines der eindruckvollsten Gebirge in Europa. Den Abend genießen wir dann im bekannten Madonna di Campiglio, wo wir auch nächtigen.
Der fünfte Tag verlief bis auf eine klitzekleine Schiebepassage auf den Passo Bregn de l'Ors und eine kurze Badepause an einem wunderschön gelegenen, idyllischen aber nicht gerade warmen Bergsee ohne besondere Vorkommnisse.
Für den letzten Tag der Tour haben wir uns einen würdigen Abschluss vorgenommen. Wir fahren bis Storo und erklimmen von dort aus die Südflanke des Tremalzo. Diese Strecke gilt unter Mountainbiker als eine der schönsten Trails überhaupt und das zu Recht. Auf der Strecke zum Gardasee hinunter stehen wir mehr als wir fahren. Immer wieder stoppen wir um die famose Aussicht auf den Gardasee zu genießen. Das letzte Stück fahren wir - nein stürzen eher einen als MTB-Strecke beschilderten Trail hinunter, der in Österreich wohl eher als unversicherter Klettersteig eingestuft werden würde. Akkurat überschlägt sich Herwig und beschädigt sein Rad an einem Felsen. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir schließlich den Gardasee; gerade noch rechtzeitig für unser wohlverdientes Bad. Danach feiern wir noch ein bisschen und treten schließlich wehmütig die Heimreise an.
Aber es bleibt ja der Trost, dass es nur mehr knapp ein Jahr dauert, bis wir wieder vollgepackt mit den höchsten Erwartungen die Reise antreten werden, um uns wiederum vor Augen führen zu lassen, dass auch die höchsten Erwartungen mit einer schier unglaublichen Leichtigkeit übertroffen werden können. Übertroffen von in einem in perfekter Harmonie angeordneten Gesamtkunstwerk an Bergen, Tälern, Felsen, Wiesen, Bächen und Seen, das die hundert besten Landschaftsarchitekten zusammen nicht zu schaffen imstande wären.
Transalp 2009; wir können dich kaum erwarten!
Daten und Fakten:
26.7.: Sterzing - Pfelders
Stationen: Maiern, Moarerbergalm, Schneeberscharte, Schneeberghütte, Moos in Passeiers, Pfelders
52 Kilometer und 2.500 Höhenmeter
27.7.: Pfelders - St. Pankraz
Stationen: Lazinsalm, Eisjöchl, Eishof, Schnalstal, Neuratheis, Naturns, Naturnser Alm, Oberhof, St. Pankraz
73 Kilometer und 2.800 Höhenmeter
28.7.: St. Pankraz - Tuenno
Stationen: St. Walburg, Spitzenalm, Castrinalm, Breznerjoch, Cagno, Cles, Tuenno
60 Kilometer und 1.860 Höhenmeter
29.7.: Tuenno - Madonna di Campiglio
Stationen: Lago di Tovel, Malga Flavona, Passo Grosté, Madonna di Campiglio
34 Kilometer und 1.930 Höhenmeter
30.7.: Madonna di Campiglio - Cimego
Stationen: Passo Bregn de l'Ors, Albergo Brenta, Pez, Zuclo, Bondo, Lardaro, Cimego
61 Kilometer und 1.340 Höhenmeter
31.7.: Cimego - Riva del Garda
Stationen: Storo, Passo d'Ampola, Santa Croce, Rifugio Garda, Tremalzo Tunnel, Passo Nota, Passo Rocchetta, Pregasina, Riva del Garda
69 Kilometer und 1.630 Höhenmeter
Michael Rubitzko
Unsere Strecke
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