Transalp 2007 - 14.8. - 18.8.2007

Eigentlich war ja eine ganz andere Tour geplant. Eigentlich wollten wir ja drei berühmt-berüchtigte Bergstraßen 'erobern': die Großglockner-Hochalpenstraße, die Straße aufs Kitzbüheler Horn und die Nockalmstraße. Während alleine schon die Nennung dieser Namen bei den meisten Bikern Schweißperlen auf der Stirn hervorruft, überredeten mich unsere Damen Gabi Pfarrhofer und Michaela Dietrich mit Sätzen a la: "Geh, die drei Straßen können wir mit 60 auch noch machen; machen wir heuer was Gescheites: eine TRANSALP!" zur Abänderung der Tour (Anm: 'Transalp' ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene Touren, die eine Alpenüberquerung beinhalten). Da sich außer Franz Dörfler - der keine Einwände hatte - kein weiterer Teilnehmer angemeldet hatte, war die Sache bald beschlossen.

 

Also fahren wir (Gabi Pfarrhofer, Michaela Dietrich, Franz Dörfler und Michael Rubitzko) am Dienstag, den 14.8. mit PKW's nach Landeck, unserem Startpunkt der Tour. Wenn alles gut geht, sollten wir uns am Samstag mittags mit einem erfrischenden Bad im Gardasee einer Pizza und einer Riesenportion Eis für die Anstrengungen belohnen dürfen. Alles was uns daran hindern könnte, sind 400 Kilometer und 10.000 Höhenmeter, die es zu bezwingen gilt, technische Probleme mit den Rädern, schlechtes Wetter, etwas zu ausgedehnte Pausen, Probleme auf Grund schwindender Muskelkraft usw. Ich darf es gleich vorwegnehmen: wir hatten alles davon! Aber der Reihe nach.

 

Um nicht bereits am ersten Tag viel Zeit durch die doch lange Anreise zu verlieren, brechen wir bereits um 3.45 Uhr in Königstetten auf. Nach einer 5-stündigen Fahrt kommen wir in Landeck an. Pünktlich um 9.00 Uhr ertönt dann das schon sehnsüchtig erwartete Surren der Räder. Das Abenteuer hat begonnen! Im Rucksack ist alles verstaut, was wir die nächsten Tage benötigen. Michaelas Rucksack ist mit Abstand am schwersten. Sie benötigt offenbar weit mehr als der Rest der Truppe. Was das ist, dazu später. Unmittelbar nach Landeck dürfen wir nach der Auffahrt nach Tobadill gleich einen herrlichen Trail genießen, den Gigglertobelweg. Das Warnschild am Anfang des Weges 'Nur mit gutem Schuhwerk begehbar!" verheißt viel Spaß für die Technikfreaks unter uns - und sie werden nicht enttäuscht. Der verblockte Weg schlängelt sich durch dunkle duftende Nadelwälder, dann ein enges Tal entlang über idyllische Holzbrücken, die sich über tosende Gebirgsbäche spannen. Der Weg endet in See. Von dort aus fahren wir über Kappl (Mittagessen) nach Ischgl, wo die lange, schöne Auffahrt zu unserem Etappenziel - die in der Schweiz gelegene Heidelberger Hütte - beginnt, wo wir schließlich um 17.30 Uhr eintreffen.

 

Der zweite Tag beginnt mit der einer Schiebepassage über 350 Höhenmeter bis zum Fimberpass, der mit einer Seehöhe von 2608 Metern auch der höchste Punkt unserer Tour ist. Bei der anschließenden Abfahrt ist Mut gefragt. Auf einem sehr schmalen, steilen, teils verblockten und mit engen Serpentinen versehenen Pfad geht es ins Tal hinunter. Eine Traumabfahrt! Das Rad von Franz hält diesen Belastungen allerdings nicht stand: ein Teil der Sattelstütze bricht. Ab jetzt muss sich Franz mit einem nicht mehr fixierbaren Sattel abfinden. Weiter geht's durch herrliche Gebirgslandschaften über Zuort, Val Sinestra, den malerischen Ort Sent, Scoul, S-charl über den Pass da Costainas (2251 m) nach Lü und über den Döss Radond (2234 m) nach Italien. Franz denkt das erste Mal ans Aufgeben und notiert sich in Sent schon die Telefonnummer eines Taxiunternehmens. Michaela fährt die letzten paar hundert Meter auf der Felge. Es ist inzwischen 21.30 Uhr und sie ist einfach zu müde und ausgehungert, um so kurz vor unserem Ziel in Val Fraele noch die Reifenpanne zu beheben.

 

Die dritte Tagesetappe beginnt schon mit Verzögerung. Es muss noch Michaelas Reifenpanne behoben werden. Also wird schnell ein neuer Schlauch montiert. Doch leider ist auch dieser nicht dicht. Also das Ganze von vorne. Das Frühstück ist wohl auch sehr köstlich, und so besteigen wir erst kurz vor 9:00 Uhr die Räder. Doch leider erwischen wir gleich nach dem Start den falschen Weg und die Zeit vergeht. Doch die traumhafte Strecke zum Val Viola, auf den Passo die Verva (2301 m) und hinunter nach Grosio lassen den Zeitdruck vergessen. Dass wir schon wieder viel zu spät dran sind wird uns erst wieder bewusst, als wir in Grosio kein Mittagessen mehr bekommen. Der Blick auf die Uhr schockt: es ist bereits 15.00 Uhr und wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Dank einer sehr netten Restaurant-Besitzerin bekommen wir doch noch zumindest kalte Speisen serviert. Franz ist dennoch verzweifelt und sieht sich konditionell nicht in der Lage, die Tour fortzusetzen. Die nette Italienerin hat für ihn bereits die Zugverbindungen für die Rückreise aus dem Internet herausgesucht, als sich Franz doch noch einen Ruck gibt. Wenn er mit einem Taxi auf den anstehenden Passo della Foppa (oder Passo Mortirolo) fahren könnte, würde er die Fortsetzung der Tour versuchen. Kurzerhand erklärt sich unsere Italienerin bereit, ihn zu chauffieren - eine tolle Frau! Ich sehe Franz seit langem wieder einmal richtig glücklich! Wir - die restlichen drei - nehmen die Auffahrt auf den Pass in Angriff. Leider haben die Trackdaten unseres GPS-Gerätes den Weg ins Nirgendwo gefunden und so sind wir auf das 'Roadbook' (= eine ausgedruckte Wegbeschreibung) angewiesen. Akkurat erwischen wir eine falsche Abzweigung und müssen mühsam erfahrene 200 Höhenmeter wieder retour fahren. Als wir am Passo della Foppa ankommen ist es bereits 19.00 Uhr. Franz hat inzwischen seine Sattelstütze mit Superkleber fixieren können. Wir beschließen, die Tagesetappe vorzeitig zu beenden und uns hier ein Quartier zu suchen. Doch leider sind nirgends Betten frei. Auch sind wir uns nicht mehr sicher, am richtigen Weg zu sein. Und als i-Tupferl gibt uns Michaelas Hinterbremse durch erbärmliches Gekreische bekannt, dass auch Bremsbeläge einmal zu Ende sind. "Hast Du Ersatzbremsbeläge mit?" Ein verzweifeltes Augenpaar gibt mir die nonverbale Antwort. Der Blick auf die Beläge der Vorderbremse erhöht die Sorge. Sie sind kaum mehr zu erkennen. Also fahren wir vorsichtig weiter. Endlich - nach einer Stunde Suche finden wir ein Quartier in Icudine. Zufällig kommen auch drei Biker aus Vorarlberg vorbei, die wir heute bereits einmal getroffen hatten. Auch sie waren auf der Suche nach einem Quartier. Kurz darauf kommt einer nach dem anderen zum Abendessen; nur Michaela nicht. Sie kommt nicht einfach; nein, sie erscheint. Und zwar in farblich aufeinander abgestimmter Kleidung mit schwerem goldenen Gürtel und GOLDENEN PUMPS!!! Wir trauen unseren Augen nicht. Michaela schleppt doch tatsächlich in ihrem Rucksack 400 Kilometer lang goldene Pumps mit! Mit den Vorarlbergern verbringen wir dann noch einen sehr lustigen und langen Abend.

 

Am nächsten Morgen, dem vierten Tag, stehen wir zeitiger auf. Doch leider vergebens, denn es regnet in Strömen. An eine Abfahrt ist nicht zu denken. Erst um 9.30 Uhr lässt das Nachlassen des Regens einen Start zu. Doch wir kommen nur bis zum nächsten Ort; der Regen wird wieder stärker und wir müssen wieder abwarten. Erst vor der Auffahrt auf den Passo del Tonale hört der Regen auf. Doch inzwischen gibt es neue Sorgen: Das Vorderrad von Franz' Rad gibt schreckliche Geräusche von sich. Hoffentlich kein kaputtes Lager! Nach der Abfahrt ist Michaela überglücklich. Wir finden in Dimaro endlich ein Geschäft, das die von ihr benötigten Bremsbeläge führt. Um eine Sorge erleichtert nehmen wir die schöne Auffahrt nach Madonna di Campiglio in Angriff, wo wir kurz nach 18.00 Uhr eintreffen. Ein wunderschöner Ort! Nach einem kurzen Aufenthalt fahren wir in unser Quartier in Spiazzo, das wir um ca. 20.30 Uhr erreichen.

 

Am fünften Tag schaffen wir es endlich relativ früh, nämlich um ca. 8.30 Uhr abzufahren. Die Etappe führt uns über den Passo Duron nach Riva del Garda, das wir nach einer spektakulär steilen und langen Abfahrt erreichen. Wir mussten einige Male stehen bleiben, um die Bremsen abkühlen zu lassen. Wie geplant sind wir kurz vor Mittag am eigentlichen Ziel der Tour, dem herrlichen Gardasee. Natürlich lassen wir uns ein ausgiebiges Bad im See nicht nehmen. Auch das Rieseneis wird mit Genuss verzehrt. Mit etwas Wehmut verlassen wir schließlich den Gardasee um nach Rovereto zu fahren, von wo aus wir mit der Bahn bis zum Brenner fahren. Da wir auf den Anschlusszug nach Innsbruck zwei Stunden warten müssten, entschließen wir uns kurzerhand auch noch die 40 Kilometer bis Innsbruck mit dem Rad zu fahren. Von dort aus fahren wir mit dem Zug nach Landeck, wo wir mit unbeschreiblichen Eindrücken beladen die Autos besteigen, um die Heimreise anzutreten. Ein dickes Lob an unseren Kämpfer Franz, der schon am zweiten Tag aufgeben wollte und dann doch bis zum Ende der Tour durchhielt. Ein herzliches Danke an Gabi für die perfekte Planung der Tour. 

 

Michael Rubitzko

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